Ein befriedigender Lockdown

Menschen brauchen andere Menschen. Gerade in Zeiten des Social Distancing und des Lockdowns sind die Möglichkeiten, sozial aktiv zu sein, sehr eingeschränkt. Welche Auswirkungen kann das außerdem auf unsere sexuelle Gesundheit haben?

Die Sexualmedizinerin, Paar- sowie Sexualtherapeutin und Frauenärztin Miriam Mottl erklärt, dass mehrere Faktoren für sexuelle Gesundheit wichtig sind. Neben dem physiologischen Aspekt, ist vor allem auch der psychische essentiell. Hier gehört dazu, die Lust zulassen zu können. Das funktioniert besser, wenn unsere Grundbedürfnisse – Akzeptanz, Nähe, Geborgenheit, Vertrauen und Sicherheit – befriedigt werden. Dann hat man auch eher erfüllten Sex, erläutert Mottl. Personen, die beispielsweise keine Nähe zu anderen haben, können eher krank oder depressiv werden. Das macht sich im Social Distancing-Zeitalter bemerkbar. Therapeut*innen berichten, dass mehr Menschen psychologische Hilfe suchen.

Date oder kein Date
Mottl empfiehlt, sich als Single einen „Lockdown-Buddy“ zu suchen, mit dem man sich regelmäßig zum Spazieren gehen trifft. Aber auch auf Dates muss man nicht verzichten, diese können auch virtuell stattfinden: Gemeinsam eine digitale Weinprobe besuchen oder Brettspiele spielen, der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Für Pärchen könnte es schwierig sein Nähe zum Partner zu empfinden, wenn man ohnehin den gesamten Tag miteinander verbringt. Denn um Nähe empfinden zu können, muss es auch Distanz geben. Getrennte Bereiche fürs Homeoffice können hier hilfreich sein. Außerdem rät die Sexualmedizinerin, sich für Dates zu verabreden. Aber bitte nicht in Jogginghose und Schlabberpulli. Laut der Paartherapeutin soll man eine feste Zeit vereinbaren und sich, wie für ein „echtes“ Date, schick anziehen. Generell fühlt man sich besser, wenn man hin und wieder aus den Gammelklamotten rauskommt. 

Sex in Zeiten von Corona
Wie sieht es mit dem Sexleben während Social Distancing aus? Singles müssen sich nicht in Abstinenz üben. Masturbieren ist die naheliegendste Möglichkeit, und auch gesund. Sollte es bei einem virtuellen Date zum Cybersex kommen, ist die eigene Sicherheit das wichtigste, erklärt die Sexualmedizinerin. Deshalb rät sie dazu, mit der Herausgabe der eigenen Daten vorsichtig zu sein. Man sollte keine Bilder verschicken, oder zumindest nur solche, auf denen man selbst nicht zu erkennen ist, und außerdem Apps nutzen die verschlüsselt sind. Für Personen, denen Cybersex zu unsicher ist, gibt es auch die Möglichkeit von „sexting“ oder Telefonsex. Old School, ja, aber es funktioniert. „Bei Sex-Toys sollte immer auf die Qualität geachtet werden, denn billige Produkte enthalten oft schädliche Stoffe”, klärt die Medizinerin auf. Zum Thema Sicherheit führt sie außerdem aus, dass es in Bezug auf Corona keinen Safersex gibt. Denn kein Penis, oder irgendeine andere Gliedmaße ist so lang, dass ein Babyelefant noch dazwischen passt und Sex möglich ist, meint sie mit Augenzwinkern, und fährt ernst fort: “Corona ist auch über Körperflüssigkeiten übertragbar. Das heißt, alles was wir an sexuellen Handlungen tun, ist so nah, dass man sich anstecken kann“.  

Ob Pärchen momentan mehr oder weniger Sex haben, ist individuell und kann nicht pauschal beantwortet werden, so Mottl. Sie erklärt, dass jeder Mensch ein Gas- und Bremspedal hat, wenn es um Sex geht. Manche haben ein sensibles Gaspedal und kommen daher nicht schnell in Fahrt oder umgekehrt. Stress, beispielsweise, wirkt sich auf unsere Lust aus. Für manche bremst dieser die Lust, andere nutzen Sex als eine Möglichkeit Stress abzubauen und steigen sozusagen voll aufs Gas. Hier reagiert jede*r individuell.

Verzicht und Konsequenz
Wenn man momentan sein Sexualleben nicht so leben kann wie bisher, hat das natürlich Auswirkungen. Für jeden Menschen sind soziale Kontakte wichtig. Doch gerade extrovertierte Personen mit einem sehr aktiven Sozialleben leiden unter den Ausgangs- und Besuchsbeschränkungen, viele verfallen in Depressionen. Auch für polyamor lebende Menschen ist Social Distancing schwierig. Man muss sich entweder auf eine*n Partner*in beschränken, oder sich immer wieder in Selbstquarantäne begeben, um mit allen Partner*innen die Beziehung leben zu können. Das bedeutet einen erheblichen logistischen Aufwand und kann sich negativ auf die Psyche auswirken. 

Social Distancing als Chance?
Gerade für Langzeit-Singles sieht die Medizinerin in dieser Zeit eine Chance, die eigene Beziehungsgeschichte noch einmal Revue passieren zu lassen. Die Sexualtherapeutin spricht davon „in ­Regression zu gehen“, also „eine Rückzugsposition einzunehmen und sich Gedanken darüber zu machen, was man sich in einer Beziehung wünscht und inwieweit man sich selbst eigentlich kennt“. Jetzt hat man auch Zeit sich mit der eigenen, persönlichen Sexualität zu beschäftigen und herauszufinden, was man erregend findet und welche Vorlieben man hat. Dabei stört dann auch kein Babyelefant – außer man steht drauf. 

Titelbild: unsplash.com, Dainis Graveris