Dornröschen und sein Ritter

Es war einmal eine Frau, welche die Nase voll von heteronormativen Geschichten mit toxischen Beziehungen und Gender-Klischees hatte und so machte sie sich auf, Geschichte(n) neues Leben einzuhauchen. 

Lena Marie Scharnreitner studiert Bildnerische Erziehung Lehramt an der Universität für angewandte Kunst Wien, sowie Geschichte Lehramt an der Universität Wien und ist die Autorin von „Dornröschen und sein Ritter“.

Rezension Dornröschen und sein Ritter

von Verena Fussi

Die Geschichte ist bekannt: Dornröschen wird als Baby von einer Fee verflucht, weil diese als einzige Fee nicht zum Fest eingeladen wurde, sticht sich mit 17 Jahren an einer Spindel – wie prophezeit – und schläft 100 Jahre. Dann kommt der Prinz, der sie wachküsst. Doch wenn man Scharnreitners Version liest, wird man von einigen Änderungen überrascht. 

Angefangen hat alles damit, dass die Autorin beim Babysitten ihrer Cousine ein Märchen erzählt hat und dazu eine Frage gestellt bekam: „Warum sind Prinzessinnen immer eingesperrt?“. Das gab den Anstoß. Sie wollte Märchen erzählen in denen sanftmütige Prinzen und queere Beziehungen vorkommen, und die Charaktere Tiefe haben. Der Anspruch: Ein neues Narrativ einbringen, abseits von einem simplen Gender-Swap – also mehr als eine Prinzessin, die Ritter werden will.

Scharnreitner findet auch, dass klassische Märchen zu wenige Antworten liefern. Warum wachsen die Rosen und versperren den Weg zum Schloss, und warum ist der Eine eigentlich der Richtige? Auch mit den Zauberfeen befasst sie sich genauer. Sie erklärt, warum diese eine Fee das Baby verflucht, und wie es dieser vermeintlich „bösen“ Fee damit emotional geht. Dieser innere Kampf, der Schmerz, die Wut sind greifbar und lebendig beschrieben. Generell findet sie, traut man Kindern zu wenig zu. Auch wenn sie komplexe Zusammenhänge vielleicht nicht zur Gänze verstehen, sollte es mehr als die Dichotomie von Gut und Böse geben, weg vom Schwarz-Weiß-Denken, fordert die Autorin. 

Dornröschen ist deshalb auch ein Prinz, keine Prinzessin, der trällernd durch das Schloss tanzt und mit Tieren befreundet ist. Der andere Prinz, der nach 100 Jahren in das Dorf kommt, kann nur wegen seiner Sanftmut bis in das Schloss vordringen. Dort schenkt er den schlafenden Schlossbewohner:innen und Tieren dann je einen guten Traum, so auch Dornröschen. Zum berühmten Kuss meint die Autorin: „Ja, und den Kuss wollte ich nicht „rape-y“ haben. Ich meine, der hat geschlafen, den kannst du nicht einfach abknutschen! Das ist sonst ein Fall für die Schlosswache.“ Ein Kuss auf die Stirn tut es auch. 

Der Stil von Scharnreitner vereint gekonnt das poetische der klassischen Märchen mit einer modernen, jungen Schreibweise. Ihr Anspruch mehr Diversität zu zeigen, wird nicht indoktriniert, er kommt ganz unaufgeregt und niederschwellig daher, und ist dabei so selbstverständlich Teil der Geschichte, dass es einem leicht gemacht wird, es anzunehmen. Scharnreitner meint dazu passend: „Ich hoffe, dass das Lesen Spaß macht und etwas Magisches ist. Das soll nicht verloren gehen in der ganzen self-righteous, social justice warrior-Sache.“ Doch wie endet das Märchen?

Dann lebten sie glücklich bis ans Lebensende? Nein, dann redeten sie viel miteinander und lernten einander besser kennen. Der rettende Prinz musste weg, auf Abenteuer, kam aber wieder ins Schloss, bis das Paar dann irgendwann heiratete und selbst Kinder adoptierte. Zu diesem Freudenfest wurden dann auch wieder die Zauberfeen eingeladen – alle Feen. Die beiden haben schließlich aus der Geschichte gelernt.

Dornröschen und sein Ritter

von Lena Marie Scharnreitner

In einem Land lange vor unserer Zeit, einer Zeit in der Bräuche und Omen noch viel bedeuteten, in einem Reich weit, weit weg, begab es sich, dass ein junges Königspaar bemerkte, wie der Bauch der Königin anschwoll und ihre monatlichen Blutungen aussetzten. Sie riefen die Kräuterhexe, die in den Bergen wohnte und als die Frau kam, um die Königin zu untersuchen, da brach Freude im gesamten Land aus, denn die Königin erwartete ein Kind! Es war reichlich schwierig die Aufregung in Grenzen zu halten, da die Ankunft eines kleinen Prinzens oder einer kleinen Prinzessin immer schon als gutes Omen der Götterwelt gesehen wurde. Der Bauch der Königin wurde gestreichelt und geküsst bis diese genervt das Gesicht verzog und sich wünschte die Monate würden schneller verfliegen, da sich nicht alle daran hielten, sie einfach nur in Ruhe ihren Pflichten nachgehen zu lassen und ihr Eis essen zu lassen. Der König schien mehr Stimmungsschwankungen zu haben als die eigentlich Schwangere.

© Lena Marie Scharnreitner

Er war verzückt als das Baby zu treten begann, zutiefst betrübt, wenn er dachte, dass er vielleicht nicht der Papa sein könnte, der er sein wollte und überbesorgt, wenn die Königin etwas Übelkeit oder Kopfweh empfand. Er bat einige Mägde darum ihm zu zeigen, wie man Haare flechte, damit er später seinem Kind Zöpfe machen konnte. Er sah beim Brot backen zu, ließ sich zeigen, wie er seiner Frau die Füße massieren konnte und fragte eine Amme danach, wie man ein Kind wickelte und wie oft, nur für den Fall, dass er das mal brauchen könnte. Obwohl sich auch seine Beraterinnen und Berater milde lächelnd anboten, übernahm die Königin einige der Aufgaben, die er im Babyfieber vergaß. Die Schwangere freute sich mittlerweile wirklich sehr auf die Ankunft des Babys, denn dann hätte ihr Ehemann endlich alle Aufgaben, die er sehnlich herbei fieberte und wäre wieder weniger kopflos. Mit ihren Zofen scherzte sie insgeheim darüber, dass sie ihr Kind wohl nur dann halten dürfe, wenn sie es stillte. Und in all diesen Monaten wuchs ihr Bauch weiter und das Kind darin bekam von all dem Trubel nichts mit, sondern wurde größer und entwickelte sich gesund, genährt von der Liebe seiner Mutter und seines Vaters.

Wie es der Brauch verlangte, machte das Königspaar Pläne, um die Feen des Waldes einzuladen und um gute Wünsche für das Neugeborene zu bitten. In einer Zeit, an die sich niemand mehr erinnern konnte, die aber in alten Geschichten und Mythen beschrieben wurde, waren Jagden und Kämpfe zwischen den Menschen und Zauberwesen die Wurzel von vielen traurigen und schaurigen Momenten gewesen. Geschichtenerzähler sprachen von diesen alten längst vergangenen Zeiten, in denen die Menschen hochmütig waren und gierig. Damals dachten sie, sie sollten über alle Lebewesen regieren, doch Feen sind impulsiv und mächtig. Ihre Segen sind wunderschön und ihre Flüche grausam, in ihrem Willen nach Freiheit unnachgiebig und stolz. Nur ein Tölpel würde versuchen den Willen einer Fee zu brechen und damals gab es viele Tölpel. Es fegten Flüche über das Reich, bis selbst die Stursten merkten, wie aussichtslos und sinnlos die Schlacht war die sie zu gewinnen gehofft hatten, und so neigten auch sie, einer nach dem anderen, ihre Häupter. Ihr müsst wissen, Feen lieben Menschenbabys und werden des Kämpfens müde, und so einigten sie sich darauf, dass Feen die Herrscher der Zukunft, die Königskinder, segnen würden, solange die Menschen ihnen mit dem Respekt entgegen kamen, den sie von Anfang an verdient hatten. Es ist sowohl Geschenk als auch Beweis ihrer Kräfte und Erinnerung, wie wichtig die Harmonie zwischen Menschen und Zauberwesen ist.

Das Problem, das das Königspaar hatte, war, dass es zu ihrer Zeit dreizehn Feen gab, und die Zahl Dreizehn eine Unglückszahl war, aber zwölf die größte Glückszahl. Sie hatten auch nur zwölf goldene Teller und kristallene Gläser und entschieden sich dazu, die dreizehnte Fee nicht einzuladen. Sie warfen die Namen in ein Säckchen und zogen jenen derer, die nun nicht eingeladen werden sollte und schickten allen anderen eine Einladung für den Abend, der eine Woche und einen Tag nach dem errechneten Geburtstermin war, um sie zum Festessen zur Geburt des Königskindes einzuladen. Genauso wie es der Brauch verlangte.

Nachdem die Schmerzen der Geburt einsetzten dauerte es einige Stunden, in denen der besorgte König und die deutlich entspanntere Kräuterhexe nicht von der Bettstätte der Königin wichen und im Morgengrauen ward ein kleiner Prinz geboren! Sie nannten ihn Aurelius und weinten Tränen der Freude. Die Woche und der Tag vergingen und das Abendessen kam.

Die zwölf Feen hatten sich in ihre schönsten Gewänder gekleidet und wirbelten bunt durch die Luft, bevor sie sich je einen Teller aussuchten. Auf ihr sofortiges Mampfen und Schmatzen hin wurde das Bankett auch für alle anderen eröffnet. Sie alle hatten große Augen und feentypisch spitze Gesichtszüge. Die Königin lächelte und ihr Mann hielt das Neugeborene, an dem er sich kaum sattsehen konnte, und als das Mahl beendet war, legte er es vorsichtig in die prunkvoll goldene Wiege und blickte gutmütig auf die Feen die sich aufgeregt in einer Reihe aufgestellt hatten. Die Königin ging auf die gegenüberliegende Seite der Wiege und sprach: „Seiet gegrüßt ihr Feen! Wir heißen euch willkommen und hoffen das Mahl hat euch gemundet.“ Nachdem die Zauberwesen eifrig nickten und eines „Schmatz, schmatz, verzückt sei der Schatz“ kicherte, lächelte der König und verlautete: „Seit Jahrhunderten bitten wir euch, eure Kräfte für unsere Jüngsten erstrahlen zu lassen. Dies ist unser Sohn, Aurelius. Wir hoffen ihr habt dem Kleinen Geschenke gebracht, wir bitten in Demut um eure Segen.“ Und damit verbeugte er sich und die Königin knickste. Eine der Feen in einem gelben Kleid ging vor und knickste bevor sie breit grinsend ihre spitzen Zähne zeigte. Sie streckte die Arme aus und sprach in übertrieben zeremonieller Stimme: „Ja! Ja das haben wir! Wir haben lange Stunden an unseren Segen gearbeitet und das verwebt, was ein Prinz, nach unserem Geschmack braucht! Ich bringe eurem Söhnchen Schönheit! Soll er so hübsch werden, dass ihn jeder gerne ansieht!“. Das Königspaar neigte dankbar den Kopf, wie es der Brauch verlangte und die nächste Fee trat vor. Es war die in dem violetten Frack mit Glitzer im Gesicht und meinte: „Ich will ihm Freude schenken! Soll ihm nichts die Stimmung nachhaltig verderben, soll er in jeder Situation die Schönheit der Welt sehen!“. Die Dritte, sie trug eine Schlingpflanze, die sie sich um den Körper gewickelt hatte, und riss die Augen weit auf als sie meinte: „Soll er die Tiere lieben und sie ihn, sodass er, egal wo er ist, immer Freunde findet!“ Die Vierte trug eine weite blaue Hose und sprach mit trotzig verschränkten Armen: „Er soll witzig sein, sodass er jeden zum Lachen bringen kann!“

© Lena Marie Scharnreitner

Die Fünfte tanzte hervor und wirbelte ihrem orangenen Blätterrock um sich herum und meinte: „Er soll musikalisch sein, sodass er alle Ohren des Königreichs bezaubern kann!“
Die Sechste hüpfe in ihrem rosa Sommerkleid und kickste: „Er soll tanzen können, sodass er mit seinen Bewegungen jeden bezaubern kann!“
Die Siebte trug viele Perlen, sowohl als Ketten, als auch in ihren wilden Locken und rümpfte die Nase als sie sprach: „Er soll immer gut riechen!“, und fügte grummelig hinzu: „Ich hasse Buben, die stinken!“
Die Achte hatte sich in der Zwischenzeit schon auf den Boden gelegt und ihr langes Haar und ihre vielen Seidenschals breiteten sich auf dem Marmorboden aus als sie gähnte: „Er soll die schönste Stimme haben, sodass ihm jeder gerne zuhört!“
Die Neunte hatte sich zur Achten gesetzt und zupfte an den Haaren und Schals der anderen bis sie kreisförmig auf dem Boden lagen, als sie meinte: „Er soll einen grünen Daumen und eine Liebe zur Natur haben!“
Die Zehnte sah aus als würde sie sich für die anderen beiden etwas schämen und starrte auf ihre dunklen Schuhe als sie stotterte: „Er soll immer offenherzig sein und neugierig.“
Die Elfte streckte ihren Rücken durch und grinste in ihrem roten Federkleid: „Er soll einen großen Gerechtigkeitssinn haben und immer nach der fairsten Chance suchen!“
Dann ein Moment Stille. Die Zwölfte sah so fasziniert ihre kunterbunt glitzernde Hose an, dass sie erst angestupst werden musste, bis sie hochsah, und auch dann schien sie nicht ganz bei der Sache zu sein, denn sie sagte: „Hm? Sind wir schon fertig? Können wir nach Hause?“ Die mit den dunklen Schuhen sah empört zur Zwölften, doch bevor sie etwas sagen konnte, erloschen alle Lichter im Saal, bevor die perlenbestückte Fee mit einem Schnipsen einige der Kerzen wieder entflammte. Die Tore zum Kronsaal knarrten laut, als sie aufgezwungen wurden. Bei dem Kreischen des plötzlich vermodernden und von Rost zerfressenen Tores, auf dem nun porösen Marmor, schreckten sich alle und drehten sich zu dem Lärm um.

In der Öffnung stand die dreizehnte, verschmähte Fee. Sie hatte sich in schwarzen Tüll gehüllt und sich kunstvoll, wunderschöne doch blutrote Striche ins Gesicht gemalt. Es war die Kriegsbemalung einer wütenden Fee. Sie atmete schwer und hinter ihrer Wut war deutlich zu sehen, wie traurig sie war. Sie schrie: „Ihr habt mich VERGESSEN!“ Der König hob beschwichtigend die Hände und meinte: „Nein nein, nicht vergessen…“ doch die Fee ließ ihn weder ausreden noch erklären, sie schritt auf sie zu und fauchte: „Nicht vergessen? NICHT VERGESSEN? Was dann? Mich absichtlich nicht eingeladen?? DAS IST DOCH NOCH VIEL SCHLIMMER!!“ Sie stampfte mit dem Fuß auf und Tränen verschmierten ihre rote Schminke. Sie streckte die Arme in die Höhe, an ihren Fingern schimmerten und glitzerten Fäden und alle Anwesenden wurden von ihren Füßen gefegt. Der König versuchte es erneut: „Nein, nein! So versteh doch! Es war des Glückes Willen! Es war nicht, weil wir dich nicht hier haben hätten wollen!“ Doch sie hörte ihm nicht zu. In diesem Moment war sie sich sicher, nie mehr die verletzenden Worte eines Menschen hören zu wollen. Sie machte einige komplizierte Handbewegungen und streckte ihren Arm in die Wiege, legte die hell leuchtende Hand auf das nun weinende Baby und zischte: „Ich verfluche dich! Unter dem Angesicht aller Welten und aller Götter, verfluche ich dich! Du wirst irgendwann in den nächsten Jahren, dumm wie deine Eltern, einen Fehler machen! Du wirst dich an einer Spindel stechen und du wirst auf der Stelle sterben. Das Königreich wird seinem geliebten Prinzen beraubt und ihr sollt spüren, wie es ist, wenn man wirklich traurig ist und sich von der Welt allein gelassen fühlt!“ und damit stürmte sie aus dem Saal, die Zornesröte im Gesicht und die Zornestränen in den Augen.

© Lena Marie Scharnreitner

Die Königin stürmte zum Baby und barg es schluchzend an ihrer Brust, der König umrundete die Wiege, und nahm seine Frau in den Arm, der Schock stand ihm klar ins Gesicht geschrieben. Die Feen standen auf und sagten abwechselnd Dinge wie „Oh nein.“ Und „Oje.“ Gesprächsfetzen wie „Irgendwie hätten sie sie einladen sollen…“ und „Es ist doch noch ein Baby!“ drangen zu dem traurigen Paar. Der König atmete tief durch und fragte: „Meine lieben Feen, so höret mir zu! Könnt ihr helfen? Bitte! So helfet uns!“ daraufhin sahen die Feen betreten von der einen zur anderen, die im roten Federkleid meinte zerknirscht: „Wir haben so viel Magie freigesetzt, indem wir unsere Segen platziert haben, unsere Kräfte sind nicht unbegrenzt, ich… es tut mir leid.“

Währenddessen schritt die Fee in den dunklen Schuhen zu den Eltern und besah sich das Kind. Der Junge hatte sich beruhigt, doch zwischen seinen großen, bernsteinfarbenen Augen hatte sich ein rotes Mal gebildet in der Form eines Bluttropfens. Sie wischte darüber, doch das Mal blieb und sie meinte: „Das muss eine der Tränen von Lolly sein… das ist nicht gut!“. Die Fee, die sich in Perlen gewandet hatte, schüttelte ihren wilden Lockenkopf und meinte: „Ihr seid Tölpel, wenn ihr nicht versteht, dass das ganz allein eure Schuld ist.“ Die Königin sah hilflos von einem spitzen Gesicht ins andere und fühlte sich schrecklich machtlos. Sie hatten wohl alle die zwölfte Fee vergessen, die in ihrer glitzernden Hose am Rande des Geschehens saß und in ihren Händen glitzernde Fäden verwob, sie verpuffen ließ und von Neuem begann. Nach einer Weile stand sie auf, ging zu dem Paar und meinte: „Gebt mir mal das Baby! Ich hab‘ noch Kraft!“. Die Königin nickte ernst, ein Schimmer Hoffnung in ihrem Herzen und überreichte der Fee das Bündel, die sich mit dem Kind im Arm auf den Boden setzte und es sich auf ihren Schoß legte. Sie besah sich das Mal und kicherte als der kleine Prinz sie anlächelte, bevor sie wieder ernst wurde und meinte: „Oje… ihr müsst Lolly wirklich sehr verletzt haben… sie hat doch tatsächlich diesen Fluch gewebt und nicht nur darüber gepustet…“ Der König begann nervös auf und ab zu gehen und meinte: „Ja, aber da muss sich doch etwas tun lassen oder nicht? Irgendetwas?“

Die Fee seufzte und meinte: „Naja… Feen weinen nicht, es sei denn sie fühlen sich verraten, sie wird nachtragend sein und in ihrer Träne hat sie das ziemlich gut versiegelt, auch wenn ich glaube, dass das keine Absicht war. Ich kann ihn also nicht brechen und nicht auflösen, ich kann ihn aber abmildern.“ Und mit diesen Worten begann sie leise zu singen und ließ ihre Hände durch die Luft tanzen bis sich schimmernde Fäden bildeten und verteilte die Lichter auf ihren Handflächen, bevor sie das Gesicht des Buben in die Hände nahm und sprach: „Ich segne dich. Ich segne dich mit der Milde, die du brauchst, um den Fluch zu überleben. Wenn du dich nicht bis zu deinem 17.Geburtstag stichst, so wirst du dich niemals stechen, und wenn du dich stichst, so wirst du nicht sterben, du wirst einschlafen, und wenn du einschläfst, so solle das gesamte Schloss mit dir schlafen für 100 Jahre und einen Tag hat die Welt Zeit dich vor deinem Schicksal zu bewahren, durch einen Kuss von wahrer Liebe und von reiner Liebe. Das weckt dich und mit dir solle das gesamte Schloss erwachen!“ Dann küsste sie das Kind auf das Mal und gab es zurück in die Arme seiner Mutter. Die Fee mit den Seidenschals sah die Zwölfte an und meinte „Geschickt gemacht!“ und der König legte ihr die Hand auf die Schulter und mit Tränen in den Augen bedankte er sich, bevor er sie umarmte. Die Königin, die sie liebevoll ansah, meinte: „Danke, dass du uns alle zum Schlafen legst, sodass wir unseren Sohn nach dem Erwachen beim Groß Werden zusehen können“, und küsste die Fee auf die Wange, die daraufhin rot anlief und meinte „Naja, ich wollte ihm ja eigentlich einen gesunden Argwohn schenken, den muss er jetzt halt selber lernen.“ Und damit verabschiedeten sich die Feen.

© Lena Marie Scharnreitner

Die erste Anordnung des Königs war es alle Spindeln des Königreichs verbrennen zu lassen, mit Ausnahme einer weit abgelegenen Manufaktur, in der diese noch erlaubt waren. So ungern er welche in seinem Reich wusste, so gab es nun mal keine Alternative, das Königreich brauchte Garn. Auf dem Schlossgrund waren sie strengstens verboten und konnten zu hohen Strafen wie Schokoladenentzug oder einer früheren Bettzeit führen! Der Junge wurde größer und alle Geschenke der Feen erblühten in ihm. Er war musikalisch und freundlich, ein kleiner Tänzer, der jeden zum Lachen bringen konnte, und ach, wie wunderschön sein Lachen, seine Stimme war! Er pflanzte Rosen mit dem Gärtner und schlich sich aus dem Schloss, um den Wald zu erkunden, denn seine Eltern erlaubten ihm kaum allein zu sein, und das kann schon sehr anstrengend sein, so überbesorgt wie sie waren. Er ließ sich von den Tieren geheime Plätze zeigen. Alle Schlossbewohner und auch die Menschen des Dorfes liebten den kleinen Jungen, und als die Jahre ins Land zogen, wurde aus ihm ein freundlicher, fröhlicher junger Mann. Er hatte es beinah geschafft dem Fluch zu entgehen, denn sein 17. Geburtstag nahte.

An dem Tag der Feierlichkeit riefen ihn seine Eltern schon in aller Frühe in den Kronsaal und sprachen ein ernstes Wort mit ihm. Seine Mutter hatte die Augenbrauen zusammengezogen und meinte: „Alles Gute mein Liebstes!“ und der König sprach: „Wir haben deine Feierlichkeiten zu besprechen.“ Der junge Mann war etwas überrascht über die besorgten Mienen und den ernsten Tonfall also nickte er nur. Sein Vater sagte: „Dieses Jahr gibt es keine Feierlichkeiten. Dieses Jahr wirst du im Schloss bleiben und auf dich Acht geben!“ Der Prinz war geschockt und fragte: „Ja aber wieso das denn? Hab’ ich etwas angestellt? Ich wäre mir keiner Übeltat bewusst, also warum streicht ihr mir meinen Geburtstag?“ Seine Mutter meinte: „Nun, er ist nicht gestrichen, wir verschieben ihn, ja? Wir haben doch bloß Angst um dich!“ und ihr Blick hing an dem tropfenförmigen Mal an seiner Stirn und sie seufzte: „Es ist zu deinem eigenen Wohl. Sobald der heutige Tag überstanden ist, können wir gerne über Geburtstagspläne sprechen, ja?“ Der Prinz wurde nicht schlau daraus, er hatte all seine Pflichten erfüllt und er bekam keine Erklärung dafür bestraft zu werden, das tat weh! Beschämt wie seine Eltern waren, hatten sie ihm nie von dem Fluch erzählt und auch allen anderen verboten, das zu tun.

Er schüttelte verständnislos den Kopf und fragte: „Und was machen wir sonst, außer zu feiern? Ich hab’ mich schon so aufs Tanzen gefreut, ich meine, habe ich irgendetwas getan um euch zornig zu machen?“ Der König neigte den Kopf und sah auf einmal älter aus als sonst und meinte: „Nein, du hast nichts falsch gemacht. Aber gefeiert wird trotzdem nicht! Freue dich über das Versprechen deiner Mutter! Wir müssen heute leider noch an die Südgrenze, es lässt sich nicht verhindern, aber wir sind bald zurück, ich verbiete dir so lange deine Räumlichkeiten zu verlassen! Ich vertraue darauf, dass du vernünftig sein wirst und auf deine Eltern hören wirst!“ Aurelius wurde zunehmend wütender und meinte, nun schon etwas lauter: „Das ist nicht fair! Vater, so erkläre es mir doch, das ist doch nicht fair! Wie habe ich sowas an meinem Geburtstag verdient?“ Doch sein Vater war bereits aufgestanden und gab Anordnungen an einen der Berater, der sich nun um die letzten Vorbereitungen für den Ritt zur Südgrenze kümmern sollte, während der Prinz die Fäuste ballte. Es war einfach nicht fair!

© Lena Marie Scharnreitner

Seine Mutter kam zu ihm und sagte: „So gräme dich nicht, mein schönes Kind! Dein Vater liebt dich, er ist einfach besorgt! Wenn wir zurückkommen, lassen wir uns einen Kuchen aus der Küche bringen und dann erkläre ich es dir, ja?“ Der Prinz nickte, hörte sie jedoch kaum, sondern ging einfach nur, mit einem säuerlichen Gesichtsausdruck, zurück in seinen Turm. Er hatte diesen Umgang nicht verdient, schon gar nicht an seinem Geburtstag! Er ging in seinem Zimmer auf und ab und fand die ganze Situation unglaublich unfair.

Seine Eltern waren nun schon fort geritten und er war hier und sollte, ohne überhaupt zu wissen, worum es sich handelte, auf sie warten und sich über einen Kuchen freuen, wenn sie bei jedem anderen Geburtstag Feste feierten! Er ließ sich aufs Bett plumpsen und merkte, wie er der Wut müde wurde. Also beschloss er sich selbst etwas aufzumuntern und durchs Schloss zu tanzen. Er konnte vielleicht nicht auf einem Fest tanzen, doch die verborgenen Räumlichkeiten auszukundschaften und für ein paar einsame Mäuse zu singen war sicher ein toller Ersatz. Gedacht, getan! Er zog sich seine Lieblingsstiefel an – die mit den abgetragenen Sohlen, in denen konnte man nämlich wunderschöne Pirouetten drehen! – und lief aus seinem Zimmer. Er tanzte so ausgelassen, dass er sich bald in einem Flügel des Schlosses befand, in dem früher mehr Bedienstete und Werkstätten waren, die seine Eltern bald wieder einzusetzen gedachten. Er besah sich der Werkstätten und war beeindruckt von den verschiedenen Dingen, die für die verschiedensten Arbeiten gedacht waren. Auf einmal hörte er eine knorrige Stimme summen. Er folgte dem Klang und ward in der Näherei gelandet. So viele schöne Dinge! Er war besonders von den gefinkelten Stickereien einiger der Stoffe beeindruckt, die bereits gelagert waren, doch hier war niemand.

Er sah sich näher in dem Raum um und sah eine Tür, hinter der eine Treppe hoch führte. Neugierig wie er war, ging er dem eigentümlichen Lied nach und fand sich in einem Turmzimmer, in der eine alte Frau an einem Gerät mit einem großen Rad saß. In der hinteren Ecke waren große Ballen Wolle und bunte Bottiche. „Ach, sieh mal einer an! Ein junger Mann! Hübsch mit einem Mal auf der Stirn und einem goldenen Reif auf dem Kopf, sag bist du der Prinz?“, fragte die alte Dame. Höflich, wie er erzogen war, verbeugte sich der Jüngling elegant und stellte sich vor: „Ja, Mütterchen, in der Tat, der bin ich! Sagen Sie, darf ich fragen was Sie hier ganz allein machen?“ Die Dame lächelte gutmütig und antwortete: „Den Plänen deiner Eltern nach werden hier schon bald viele Menschen arbeiten! Ich wollte mir schon mal alles ansehen. Ich bin hier und spinne etwas der Wolle schon mal zu Garn, möchtest du mir zur Hand gehen?“ Ja, das wollte der Prinz. Unbedingt sogar! Die Frau erklärte ihm, wie das Spinnen funktionierte und auf seine Fragen hin, erzählte sie ihm von den bunten Bottichen, die zum Färben gedacht waren und von der Wolle, die von Schafen gewonnen wurde. Sie erklärte ihm wie ihr Spinnrad funktionierte und gemeinsam machten sie sich an die Arbeit.

Nach kurzer Zeit fragte die Frau, ob er es probieren wollte, und der Prinz war sich sicher, dass das ein großes Glück war, das ihm zum Geburtstag ereilt hatte. Er zögerte einen Moment, nachdem seine Eltern ihn immer gewarnt hatten vor Spindeln, doch so unfair wie sie heute gewesen waren, so wollte er nicht daran denken, und dachte sich: „So gefährlich kann das doch gar nicht sein, wenn selbst eine alte Frau hier ganz allein mit dieser Maschine hantiert! Und ich habe ja immerhin sie zur Gesellschaft!“, und so machte er sich eifrig ans Werk. Er hatte kaum begonnen, da fühlte er ein Stechen in seinem Finger! Er sah hinab und da war es. Die Spindel war rot, so wie sein Zeigefinger! Dort wo er sich gestochen hatte, wurde es Taub und das Gefühl breitete sich aus, auf seinen gesamten Körper. Die alte Dame hatte ihn unter den Achseln gepackt, hievte ihn zu den Wollballen und legte ihn nieder, doch als er ihr mit letzter Kraft ins Gesicht sah, war es nicht die alte Frau, die über ihm stand, sondern ein Wesen mit großen Augen und spitzen Gesichtszügen. Sie war in schwarzen Tüll gehüllt und ihr Gesicht war mit roter Farbe beschmiert. Das letzte was er hörte war: „Es war nie deine Schuld, doch manchmal muss man für die Fehler anderer einstehen. Wisse die Schuld ist beglichen und wisse um die Erleichterung, dass Elis den Fluch abgemildert hat zu einer angebrachteren Strafe. Es wäre nicht rechtens gewesen ihn verpuffen zu lassen, doch ich bin froh um die Milde. Euch sei vergeben.“

© Lena Marie Scharnreitner

Er war sicher, dass sie noch mehr sagte, doch ihm fielen die Augen zu und sobald sie zu waren, schlief er ein, und mit ihm das gesamte Schloss. Seine Eltern, gerade zu Haus angekommen schliefen auf ihren Pferden ein. Der Bäckersmeister, der gerade dabei war, seinem Bäckersjungen das Geheimnis hinter wirklich gutem Brot zu verraten, schlief ein mit dem Rücken zum Tresen, der Junge schlummerte an seine Brust gelehnt. Der Küchenchefin fielen die Augen zu während sie die Gewürze fürs Abendessen heraussuchen wollte. Der Stallmeister schlief angelehnt an eine der Stuten ein und auch alle Tiere, die Pferde im Stall, die Tauben auf dem Dach, die Spatzen im Hof die Hunde und Katzen, ja alles auf dem Schlossgrund schlummerte. Alle Bediensteten, alle Beraterinnen und Berater, alle Handwerkerinnen und Schmiede, alle Zofen und Knechte ja alle Angestellten ohne Ausnahme fielen in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Die Fee Lolly ging durchs Schloss und fühlte sich endlich frei! Sie wusch sich ihre Kriegsbemalung, die all die Jahre ihr Antlitz benetzt hatte, im Brunnen des Schlosses vom Gesicht, und ging nach Hause. Das Wasser des Brunnens pumpte auch Wasser in die Gärten und die liebevoll vom Prinzen gepflanzten Rosenbüsche wurden genährt von der verdünnten roten Farbe, in der die Geste der Vergebung einer Fee mitschwang und die Büsche wuchsen und wucherten über das gesamte Schloss und umhüllten das Gemäuer beschützend, umarmten es fast in dem Versprechen, die zu verscheuchen, die nur zu Nehmen und nichts zu Geben hatten.

© Lena Marie Scharnreitner

Die Jahre verstrichen und Prinzen und Prinzessinnen, Ritter und Kriegerinnen versuchten in das geheimnisumwobene überwachsene Schloss zu gelangen, um den wunderschönen Prinzen wach zu küssen, denn wer weiß, vielleicht könnten sie mit ihm gemeinsam über das Königreich herrschen, sobald er erwacht war? Vielleicht wurden sie entlohnt? Doch die Rosen würden kaum jemanden auch nur so weit einlassen, dass sie in den Innenhof kämen, geschweige denn zum Turmzimmer des Prinzen. Einige der Ehrgeizigen kamen zurück ins Dorf mit langen Kratzern auf den Armen und im Gesicht, manchen fehlte ein Teil ihrer Ausrüstung, den die Rosen nun nicht mehr hergaben. Die Geschichten, die im Dorf erzählt wurden, wurden immer blumiger. Je nachdem, wer sie erzählte, wurde von der Kränkung einer rachsüchtigen Fee und einem verfluchten Schloss gesprochen oder von der schönsten Liebesgeschichte, die bisher noch nicht wahr geworden war. Manche sagten, dass das Schloss nun von den Feen in Beschlag genommen worden war, doch all diese Geschichten waren viel aufregender als das Schloss selbst es war. Es war ein großes Gemäuer, überwuchert von magischen Rosen und war voll von traumlos Schlafenden, die auf den Kuss der wahren Liebe warteten, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Eines Tages kam ein Ritter des Weges. Er wusste nichts von dem Prinzen, da er sich für gewöhnlich um Drachenhaltung und das Einfangen von verzauberten Monstern kümmerte und höchstens nebenbei jemanden rettete. Er kam gerade davon, ein Ungeheuer in einem See zu überreden, dass den Schwimmteich eines Edelmanns besetzt hatte und sich geweigert hatte ihn zu verlassen. Es war ein sehr anstrengender Tag gewesen und einmal hätte er beinah sein Schwert ziehen müssen und war froh, dass es auch ohne Androhung von Gewalt gegangen war.

© Lena Marie Scharnreitner

Er war ins nächste Dorf geritten, da er von Dracheneiern in den Bergen gehört hatte und vorsichtig die waghalsige Tat begehen wollte, ihnen beim Schlüpfen zuzusehen. Er ließ sich in einem Gasthaus nieder und fragte beim Abendessen nach dem riesigen Rosenbusch auf der Anhöhe. Da musste der Wirt herzlich lachen, denn er war noch nie jemandem begegnet, der die Geschichte, die sich vor beinah hundert Jahren zugetragen hatte, nicht kannte und erzählte bereitwillig von dem schönen Prinzen, den nun alle Dornröschen nannten und von all jenen, die versucht hatten ihn zu retten. Er erzählte von Feen und von einer schrecklichen Kränkung und von einem Fluch, der abgemildert wurde. Er erzählte von den Rosen und den Mythen, die sich um sie rankten und von der reinen, wahren Liebe, dem einzigen Mittel gegen diesen Fluch, und Segen die eng miteinander verwoben so viele in den Schlaf gezwungen hatten. Er erzählte von den Dorfbewohnern und den verschiedenen Varianten der Geschichte und betonte, welche er für wahr befunden hatte.

© Lena Marie Scharnreitner

Der junge Ritter lauschte gespannt und entschied sich dieses Schloss näher anzusehen. Und so ritt er gleich am nächsten Tag an die Anhöhe und besah sich dem Gemäuer und den Rosen und dachte bei sich, wie traurig diese Geschichte war und wie schön das Resultat. Er fragte sich, ob der Prinz denn genauso schön wäre, genauso anmutig. Er umrundete das Schloss in Staunen und Andacht. Ganz vorsichtig streichelte er ein weiches Blütenblatt und atmete den süßen Duft ein. Die Rosen merkten wie sanftmütig er war und gaben vorsichtig den Weg in den Innenhof frei. Erstaunt von der Magie trat der Ritter ein und sah sich um. Besah sich all der Tiere und Bediensteter, die im Hof schliefen, von einem Blätterdach vor der Sonne geschützt. Er ging zu jedem Einzelnen hin und dachte sich einen Traum aus. Den Pferden schenkte er Träume von weiten Wiesen, von einem Stallburschen, der sie striegelte und einem Zuckerwürfel. Den Frauen, die am Brunnen gelehnt eingeschlafen waren, schenkte er Träume von tanzendem Wasser, das in der Sonne lachte. Den Hunden schenkte Bilder von Menschen, die sie liebten und den Katzen von einer fetten Maus und einem sonnigen Plätzchen.

Die Rosen waren so erstaunt wie sie es als Rosen sein konnten und ließen ihn, seine Sanftheit spürend, vorsichtig immer weiter ins Schloss. Er schenkte allen Schlafenden Träume und dachte sich Geschichten zu den Bildern an den Wänden aus. Er wünschte dem Bäcker Traumbilder von feinem Mehl, das in der Morgensonne glitzerte und der Köchin eine Tafel voller hungriger Ritter, die sich zufrieden die Lippen leckten nach einem wundervoll gelungenen Mahl. Er wünschte dem König und der Königin, dass sie sich selbst vergeben konnten, dass sie in einer Zeit, in der alles noch anders war und in der sie es nicht besser gewusst hatten, einen Fehler begangen hatten und Stück für Stück wurde er weiter und weiter vorgelassen. Verzaubert von den tanzenden Pflanzen folgte der Ritter ihnen. Und tatsächlich, sie führten ihn bis zum Prinzen!

Der Ritter setzte sich neben den Schlummernden und sah sich dessen schönes Gesicht an und dachte daran, wie traurig es war, dass er für die Tat seiner Eltern hatte leiden müssen, eine Tat begangen als er gerade noch ein Baby gewesen war und überlegte welchen Traum er ihm schenken könnte. Einige Momente verstrichen, dann begann er dem schlafenden Dornröschen von all den Dorfbewohnern zu erzählen und den verschiedenen Geschichten, die sich um ihn rankten, er erzählte von all jenen die versucht hatten ihn zu retten und allen, jenen denen er nach all den Jahren immer noch so unglaublich wichtig war.

Die Sonne war schon lange untergegangen und der Mond stand groß und blass im Himmel, doch der Ritter bemerkte, genauso wenig wie das Dornröschen, wie die Zeit dahin floss. Der Ritter erzählte und erzählte, bis zum Morgengrauen. Dann war alles erzählt. Alle Geschichten der Dorfbewohner, alle gescheiterten Retter und Retterinnen, wie schön die Rosen in der Morgensonne aussahen und welche Träume er den Menschen des Schlosses geschenkt hatte. Er sah den Schlafenden an und kratzte sich etwas ratlos den Kopf. Er überlegte, was er ihm schenken konnte, und da fiel es ihm ein! Ihm fiel ein, was er ihm mit all seinem Sein geben könnte und so sprach er: „Dir schenke ich Folgendes. Ich wünsche dir, dass du all die Liebe derer spürst, die nach all den Jahren immer noch an dich denken, all die Liebe derer, die dich immer noch vermissen und all die Liebe derer, die immer noch losziehen in der Hoffnung dich zu retten.“ Und mit diesen Worten küsste der Ritter Dornröschen auf die Stirn, direkt auf das eigentümliche, tropfenförmige Mal. Der Ritter wandte sich ab, in dem Bewusstsein, dass er nun aufstehen und gehen sollte, während das Mal des Prinzen einem Blutstropfen gleich ihm von der Stirn rann, als wäre es nie etwas anderes gewesen als eine rote Träne.

© Lena Marie Scharnreitner

Er schlug die bernsteinfarbenen Augen auf und begann sich zu strecken und zu gähnen. Der Ritter neben ihm drehte sich verwundert um und sah dem bis eben noch Schlafenden ins Gesicht und konnte gar nicht glauben welch ein Wunder er da sah! Er war erwacht! Sofort ging er nieder auf ein Knie und verbeugte sich – wie es Ritter nun mal tun. Der Prinz setzte sich etwas verwirrt auf und sah auf den Ritter nieder. Er legte ihm die Hand auf die Schulter und sprach mit seiner vom langen Schlafen noch ganz kratzigen Stimme: „Erheb dich! Komm setz dich zu mir! Sag was führt dich hierher?“ und der Ritter tat wie ihm geheißen. Die beiden redeten über Feen, den Fluch und den Segen, sie redeten über Drachen und über Spindeln, sie redeten über Reisen und besorgte Eltern, über magische Küsse und Rosen. Sie unterhielten sich so gut miteinander, dass sie gar nicht merkten wie nach und nach das gesamte Schloss erwachte. Sie mussten von den Bediensteten sogar gesucht werden bis sie gefunden waren, und der Prinz wurde ganz rot, peinlich berührt seine Umgebung so vergessen zu haben.

Das Dorf feierte den 17. Geburtstag des Prinzens nachträglich und diesmal wurden alle dreizehn Feen eingeladen, denn alle waren sich einig, dass es das mehr als wert war, etwas Unglück zu riskieren, um diesmal keine Fee zu kränken, da das eine Torheit ist, die nie wieder begangen werden sollte. Der Ritter zog bald darauf los um die Drachenbabys schlüpfen zu sehen, kam danach jedoch zurück, denn er hatte den Prinzen vermisst. Die beiden verliebten sich immer mehr ineinander und eines Tages fragte das Dornröschen, ob der Ritter ihn nicht vielleicht heiraten wolle und der Ritter sagte ja. Und so wurde die nächste Generation von zwei Königen regiert, die ihre Kinder adoptierten, die, wie es der Brauch verlangte, erneut von den Feen gesegnet wurden.

Ende

© Lena Marie Scharnreitner

Titelbild: Cover zum Märchen | © Lena Marie Scharnreitner